Die Göttin Hel wird hier zu einer wichtigen Beraterin, insbesondere für Frauen. In der nordischen Götterwelt bestreiten mehrere Gottheiten den Dienst in der Anderswelt, insbesondere im Reich der Toten: Hel sei hier als Erste genannt, sie ist die Verhüllende, die Verhehlende und zu ihr kommen diejenigen, die an Krankheit oder durch einen Unfall, oder ganz einfach an Altersschwäche gestorben sind. Ihr Reich, Helheim, wird zwar in den Quellen als genauso ungemütlich wie die uns bekannte, christliche Hölle beschrieben, was sich jedoch aus der Beeinflussung der Edda Autoren durch christliche Visionsliteratur erklären lässt. Das Reich der Hel ist zweckmässiger mit einem Megalithgrab zu vergleichen. Die Totenkammer lag im Norden; von Süden kam der lebende Besucher des Toten in die Kammer. Wer einmal in einem solchen Megalithgrab gewesen ist, wird keine Probleme mehr haben, sich das Reich der Hel vorzustellen. Es ist muffig, dunkel und je nach Jahreszeit kühl oder warm. Meistens geht von diesenPlätzen eine starke Energie aus, welche sich als beschützend bezeichnen liesse. Weiters sind für die Toten zuständig: Odin, als Herrscher über Walhall und die gefallenen Krieger; Freyja, als Herrscherin über Folkvang und die gefallenen Kriegerinnen, wie viele andere Frauen, so zum Beispiel der Kräuterkundigen und die Göttin Rŕn, welche über das Meer herrscht und die Ertrunkenen in dessen Tiefe empfängt.
Jan de Vries schreibt in seiner altgermanischen Religionsgeschichte: (S 581.) ... Die düstere Grabstätte ist eine Totenhalle; sie heisst Hel, ein Wort, das "die Verhehlende, die Verhüllende" bedeutet. Im Laufe der kulturellen Entwicklung erweitert sich der Begriff zu einem Totenreich, und dessen Herrscherin heisst ebenfalls Hel, ein Wesen, dem dämonische Züge anhaften, das aber doch auch mit einer gewissen Ehrfurcht beschrieben werden kann. Gerade die Vorstellung einer allgemeinen Totenwelt ist in der Poesie vorherrschend. Die Vorstellung der "Hölle" (Der Höhle der Holle... Anmerkung des Autors) als Aufenthaltsort der Toten (und nicht als Stätte der Strafe) ist auch nach der Bekehrung bewahrt geblieben: noch 915, nach dem grossen Siege der Sachsen über die Franken, soll ein Spielmann gesungen haben: wo gibt es eine so grosse Hölle, die so viele Erschlagene aufnehmen könnte? Fürchterliche Flüsse, die mit grässlichem Lärm rauschen, strömen um sie herum, wie Valglaumnir oder Gjöll; eine jüngere, von christlicher Visionsliteratur beeinflusste Vorstellung finden wir in Voluspa 36, die den mit Messern und Schwertern sich fortwälzenden Fluss Slidr nennt, womit der von Speeren wimmelnde Fluss Geirvimul in Grimnismal 27 verglichen werden kann. Auch Saxo berichtet, dass in dem dunklen Todesfluss vielerlei Waffen treiben. über den Fluss Gjöll führt eine Brücke, die Gjallarbrú, die vielleicht durch mehrere Zwischenstufen auf die persische Zinvatbrücke zurückgeht, aber doch so beschrieben wird, dass einheimische Elemente dabei zutage treten: sie ist nicht messerscharf wie die Brücken der mittelalterlichen Visionen, sondern breit und mit glitzerndem Golde beschlagen. Módgudr heisst die Magd, die diese Brücke bewacht. Der aus arischer und griechischer Mythologie bekannte Höllenhund steht auch am Eingang der germanischen Hölle, in Balders draumar 23 wird er mit bluttriefender Brust beschrieben und bedroht sogar Odin. Ist man an der Brücke vorbei, so kommt man vor eine Einhegung, die helgrind, nigrund oder valgrind. Der lebende Held Hermódr muss darüber hinweg springen; aber für die Toten öffnet sich das Tor (hnigin er helgrind im Hervorlied Skjaldedigtning II, 266 Str. 8). Schnell muss man aber hindurchschlüpfen, sonst fallen einem die Türflügel auf die Fersen; deshalb kommt auch der Held mit einem grossen Gefolge. Auffällig ist die ähnlichkeit mit der babylonischen Sage von Nergal, aber wir finden die Symplegaden als eschatologisches Motiv mit über die Erde verbreitet, dass es auch bei den Germanen von altersher heimisch gewesen sein kann. Einfluss von christlichen mittelalterlichen Vorstellungen verrät aber wohl die Erzählung der Gylfaginning, dass die Halle Éljúdnir (der Regenfeuchte ?), die Schüssel Hunger, der Knecht Faulenzer, die Schwelle Schmerz, Bett Krankheit und das Bettuch Blasses Unglück heisst; solche Allegorisierungen gehören nicht zum heidnischen Stil und kommen in der Poesie auch erst im 13. Jahrhundert vor.
Das Leben der Toten wird als ein sehr elendes bezeichnet. Die Völva in ihrem Grabe sagt, als sie von Odin aus ihrem Todesschlaf geweckt wird, dass sie von Schnee und Regen gepeitscht und von Tau durchnässt ist. ...
Zuweilen wird Hel auch mit schmückendem Epitheton Niflhel genannt. Wenn aber der Riese sagt: neun Welten habe ich bis zu Niflhel besucht (niu kom ek heima fyr Niflhel nedan), dorthin sterben die Menschen aus der Hel, so scheint es, als ob die Niflhel eine noch tiefere und noch finstere Totenwelt darstellen soll. Snorri hat die Stelle so aufgefasst, dass Niflhel die neunte Welt unter der Erde ist. Es ist leicht verständlich, dass das Nebeneinandervorkommen von zwei Bezeichnungen für die Unterwelt zu einer Differenzierung den Anlass geboten hat, wobei vielleicht die christliche Vorstellung der Hölle als Strafstätte für Sünder die Niflhel immer mit schwärzeren Farben ausgemalt hat. Die Riesin Angrboda ist Hels Mutter und Loki ihr Vater. Ihre Schwester ist nach der nordischen Mythologie die Midgardschlange und ihr Bruder der Fenriswolf. Allgemein werden die zuletzt genannten, als unangenehme und sogenannte böse Wesen geschildert, doch wenn man bedenkt, dass Beide eine wichtige Aufgabe im kosmischen Ablauf haben, bekommt man wieder eine Lehre im Verständnis der nicht vorhandenen Polaritäten, die sich um einen vernünftigen Energiefluss bemühen.
Wenn uns die mythologischen Quellen nicht weiterhelfen können, ist es möglich, die Runen zu Rate zu ziehen und schon wird das Mysterium der Hel erklärbar: Im 24er Futhark finden wir das Hels-Aett, die acht Runen der Hel, welches wiederum die Runenreihe der Zwischenwelt darstellt. Die Rune Hagalaz steht für die Göttin Hel. Hel ist also nicht nur Totengöttin, sondern Herrscherin über die Anderswelt, das Reich der Schatten, die Welt der Geister und all der Dinge, die wir heute zu sehen verlernt haben. Sie ist verhüllend, die Hüterin der Geheimnisse dieser Welt und somit wird auch Módgudr erklärbar, als erste Prüfung auf dem Weg in die Anderswelt. Die Gjallarbrú ist die Verbindungsbrücke in die Unter- oder Anderswelt, Gegenstück zu Bifröst, der Regenbogenbrücke. Die Gjallarbrú ist Brücke nach Unten und Bifröst Brücke nach Oben. Wir Menschen leben dazwischen und können mit einiger übung beide Richtungen wählen und beschreiten.
Das Hel allgemein als Totengöttin bekannt ist, erklärt sich aus dem bereits ausgeführten Phänomen der Verdrängung des Vergänglichen. Die Totenwelt ist zwar auch Anderswelt, doch die Anderswelt ist eben vieles mehr, als nur Totenwelt.
Die Göttin Hel vermag uns reiche Schätze des Unsichtbaren zu schenken, wenn wir mit ihr in Kontakt treten. Sie kann das Verständnis für Leben und Tod wie keine andere lehren. Kein Wunder also, dass man den Weg zu ihr, als so scheusslich und beschwerlich wie nur möglich dargestellt hat. Die deutsche Frau Holle oder Hella ist identisch mit der Göttin Hel und verrät uns weiteres, über die untergegangenen Bedeutungen dieser Göttin. Hel steht uns hilfreich zur Seite, wenn es um den Tod in jeglicher Form geht, beantwortet Fragen diesbezüglich und vermag uns auch wieder ein natürliches Verständnis und einen lebendigen Umgang mit dieser Daseinsform zu vermitteln. Sie ist Führerin in der Unterwelt und Lehrerin jeder ernsthaften Hexe, sowie Göttin der schamanischen Wege.